Alte Schmitte

Die alte Schmiede in der Vordergasse 8 ist im Privatbesitz, der Inventar wurde jedoch in 1996 der Gemeinde Neunkirch gespendet, sodass sie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werde. Der Verein Kulturgschicht Nüchilch betreibt im Auftrag der Gemeinde das Schmitte Museum.
"In situ erhaltene funktionstüchtige historische Schmiedeblasebälge sind heute eine ausgesprochene Rarität"        
Peter Bretscher, lic. phil., Volkskundler, Museologe MAS, Inventarisierung Gemeinde Neunkirch

Zur Website:
https://schmitte-neunkirch.ch

Öffentliche besichtigungen 2019

jeweils   14:00h- 17:00h

Sonntage:  5. Mai, 2. Juni, 7. Juli, 4. August, 1. September  (an diesen Führungen wird heiss geschmiedet)

oder auf Anfrage.     Telefon:   Gabi Uehlinger   +41 52 681 24 68

Historischer Hintergrund

Im Gegensatz zur Landschaft, wo die Eisenschmiede Universalhandwerker blieben, spezialisierten sie sich im städtischen Umfeld bereits im Spätmittelalter. Man unterschied zwischen Grobschmieden (Huf- und Waffenschmiede) und Kleinschmieden (Schlosser), die sich ihrerseits in zahlreiche eisenverarbeitende Spezialberufe unterteilten. Das Handwerk der Hufschmiede entwickelte sich parallel zur Entwicklung des Verkehrs und umfasste auch den Wagenbau.

Hans Martin Uehlinger (1795-1859), Waffenschmied

1801 waren im kleinstädtisch-ländlich geprägten Neunkirch ein Eisenhändler, zwei Schmiede, zwei Schlosser sowie ein Nagelschmied tätig. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es hier drei Schmiede, je ein Zeugschmied (Werkzeugschmied), Messerschmied, Kupferschmied, Schlosser und drei Nagelschmiede. Hans Martin Uehlinger, Sohn des Neunkircher Küfers Johannes Uehlinger, bildete sich – gemäss traditioneller Handwerksvorschrift der Wanderschaft – während mehrerer Jahre in Strassburg zum Huf- und Waffenschmied aus. Ungewöhnlich war seine Zusatzausbildung zum Windenmacher, eine Spezialsparte der Schlosserei, die unter zünftischen Verhältnissen des 18. Jahrhunderts noch einen eigenen Berufszweig dargestellt hätte. Uehlingers Berufsbezeichnung und Adressanschriften lauten alternierend Waffenschmied oder Windenmacher. Irreführend aus heutigem Sprachverständnis ist die Bezeichnung Waffenschmied. Die Anfertigung von Hieb- und Stichwaffen war – solange die Zünfte ihr Monopol durchsetzen konnten – städtischen Meistern vorbehalten und Schusswaffen gehörten zum Zuständigkeitsbereich der Büchsenschmiede. «Hufschmied, Waffenschmied», so heisst es in einer Darstellung des mittleren 19. Jahrhunderts, «nennt man denjenigen Schmied, welcher das Eisen blos mit dem Hammer in den Händen, mit Amboss und Zange zu Hufeisen, zu allerlei Geräthen und Beschlägen an Wagen und ähnlichen Geschirren bearbeitet. Waffenschmied heisst er noch von frühern Zeiten her, wo man zu der Verfertigung von Waffen noch keine besondere Schmiede und Fabriken hatte». Unter Waffen wurden damals alle schneidenden Werkzeuge und Gerätschaften, allen voran Äxte und Beile subsumiert, und Waffenarbeit umfasste etwa die Neuanfertigung und Reparatur von Kärsten (Hacke mit Zinken), Hauen, Scheidweggen (Holzerkeil), Dengeleisen, Pflugmessern, Pflugscharen und sogar von Pflugriestern (Streichblech) usw. Der einzige Waffenschmied, der an der Schaffhauser Gewerbeausstellung von 1850 vertreten war, stellte ausschliesslich geschliffene Äxte und Beile für Zimmerleute, das Messer eines Strohschneidstuhls sowie ein Ziehmesser für die Holzbearbeitung aus. Im Assekuranz-Kataster der Gemeinde Neunkirch des Jahres 1854 lautet die Berufsbezeichnung von Hans Martin Uehlinger zwar Waffenschmied, zur Spezifizierung seiner Gebäude ist neben ½ Wohnhaus u. Stall aber explizit eine Landwirtschaftliche Schmiede erwähnt. Später setzt der 1891 gegründete Schweizerische Verband der Schmiede und Wagner die Berufsbezeichnung Huf- und Wagenschmied durch. Die ehemaligen Waffen heissen bereits im früheren 20. Jahrhundert Geschirr und Geräte.

Hans Martin Uehlingers Haupttätigkeit – so berichtet sein Enkel in der Familienchronik der Uehlinger – bestand grossteils in der Arbeit des Hufschmieds. Dazu gehörte wohl mehrheitlich das Beschlagen von Zugochsen und Zugkühen. Nur vermögende Bauern und Fuhrhalter besassen in jener Zeit Pferde, wovon es 1838 in Neunkirch 66 gab. Diese wurden damals im Kanton Schaffhausen noch vorwiegend für den Transithandel und andere gewerbliche Transporte, «weniger zum Ackerbau» verwendet. Die sonstigen Schmiedearbeiten bestanden hauptsächlich in «Flickereien aller Art», daneben stellte Uehlinger Hauen, Kärste, Beile, Aexte, weitere angestählte Geräte wie Gertel, Zieh- und Rebmesser sowie verschiedene Werkzeuge her, wovon sich noch einige Exemplare in der Werkstatt erhalten haben. Nicht mehr auffindbar war hingegen ein 1954 erwähnter, in der Lehre selbst geschmiedeter, mit «HM.ÜL» markierter und 1814 datierter Hammer für den Hufbeschlag. Zum weiteren Aufgabenbereich gehörte auch das Beschlagen von Karren und Wagen. Zum Aufziehen von Radreifen befand sich vor dem Werkstatteingang eine im Boden versenkte Kalksteinplatte mit Ösen (zur Montage des Radbockes mit Winde); sie wurde bei der Erstellung des asphaltierten Trottoirs entfernt.

Im Gegensatz zu den geschilderten Aufgabenbereichen für eine lokale Kundschaft verfügte Uehlinger mit der Windenmacherei, d.h. mit der Anfertigung eiserner Zahnstangen, Zahnräder und Kolben zum Heben von Lasten, über ausgesprochene Spezialkenntnisse, die ihm Aufträge aus der ganzen Region eintrugen. Nicht nur Bauern und Fuhrleute nahmen seine Dienste in Anspruch; auch andere Schmiede – sonst Konkurrenten – haben ihm solche Aufträge weitergegeben: «Mancher Schmied, der eine Winde hätte reparieren sollen, brachte sie dem Windenmacher HM. Ü[ehlinger]». Auch die hölzernen Windenschäfte, eigentliche Wagnerarbeit, verfertigten Uehlinger und später sein Sohn selbst. Dazu diente die Küferhobelbank des Vaters, welche aber nicht in der Werkstatt, sondern «in der damals noch nicht unterteilten Küche, hinten beim Schüttstein» stand. Der Einzugsbereich des Windenmachers umfasste nicht nur den ganzen Kanton Schaffhausen, sondern auch angrenzende badische und zürcherische Gebiete.

Die Familienchronik seines Enkels sowie diverse erhaltene Briefe gewähren einen Einblick in den Werdegang des jungen Handwerkers. Nach der vermutlich 1814 in Neunkirch beendeten Lehre arbeitet er 1818-19 als «Schmidtgesell» bei Hans Georg Steiger, Waffenschmied in Strassburg, und 1819-21 bei Abraham Fries, einem ebendort ansässigen Windenmacher. Im Arbeitszeugnis bestätigt der Meister, «dass Martin Ühlinger … sich während dieser Zeit gut verhalten» habe. Auch zuhause wird seine Tätigkeit sehr positiv vermerkt. «Dein Schreiben haben wir richtig erhalten und daraus ersehen, dass du gesund und wohl auf bist, wo es uns alle herzlich freuen tut, dass wier solchen Bericht erhalten von dier, und dass du jetzt beÿ einem Winden-Macher seiest, das ist recht wan du alles lernest, was zu deinem Nutzen dientj.» … «Die Mutter hat geweint for Freuden … das du so glücklich seiest.»

Am 4. Juni 1821 beendigt Hans Martin Uehlinger seine Wanderschaft und er kehrt nach Hause zurück mit dem Ziel, eine eigene Werkstätte zu betreiben. Bereits im August desselben Jahres eröffnet er sein Geschäft und erhält seinen ersten Auftrag. Wo sich dieses befand, ist nicht bekannt. Der Berufsstolz des jungen Berufsmannes zeigt sich aber bis heute an einer dekorativ ausgesägten Deckelleiste am riesigen Blasebalg, auf welcher Blumen, sein Monogramm HM VL S (Hans Martin Uehlinger Schmied) sowie die Jahrzahl 1821 in schwarzer Farbe aufgemalt sind. Ein Jahr später heiratet Hans Martin Barbara Wildberger aus Neunkirch, Tochter des Kreuzpflegers Hans Conrad Wildberger. 1824 erwirbt er den unteren Teil der heutigen Liegenschaft Vordergasse 8 und errichtet als 29-jähriger Meister im Erdgeschoss seine Werkstatt.

Zu einem Handwerksbetrieb gehörte damals immer auch eine kleinere Landwirtschaft, die sich (1856) aber auf 2.43 ha (2700 Quadrat-Ruthen) Acker-, Wies- und Rebland sowie einen Gemüsegarten beschränkte. Vorhanden waren wohl einige Ziegen, vor 1851 aber kein Zugvieh. Fuhrleistungen und Pflugarbeiten mussten deshalb von Gespannbauern in Anspruch genommen werden.

Johannes Uehlinger (1827-1899), Waffenschmied

Als einziger Sohn neben vier Schwestern war Johannes Uehlinger dazu prädestiniert, die Werkstätte des Vaters weiterzuführen. Im Gegensatz zu diesem hatte er die Chance, die 1813 gegründete Oberschule (seit 1843 Realschule) zu besuchen, was ihm besonders für «das Rechnungswesen und die Korrespondenz» sowie einige Grundkenntnisse des Französischen zu Statten kam. Nach der Lehrzeit beim Vater von 1844-47 ging er bis mindestens 1852 zur weiteren Ausbildung auf Wanderschaft. Arbeitsaufenthalte bestanden in Ebnet (Dorf bei Freiburg; zwei Wochen), anschliessend in Eschbach (Umgebung Freiburg), wo es ihm sehr gut gefiel und er nahezu zwei Jahre blieb. Es handelte sich um eine sehr gut eingerichtete Hammerschmiede: «Hier wird streng gearbeitet, es hat 2 Hämer, 2 Feuer, einen Drehstuhl und eine Schleife & alles wird vom Wasser getrieben, auch die 2 Blasbälge treibt das Wasser & wird nur Baurenarbeit gemacht. … Es wird von Morgens 4 Uhr bis Abends 7 Uhr gearbeitet. … Es ist einen guten Blatz & guten Meister und Meisterin, & habe keinen Mangel. … Sie sorgen für mich wie für ihren eigenen Sohn.» Dies in einer Zeit, als im Nachbarland Krieg herrschte: «Es wird auch viel vom Schweizerkrieg gesprochen, & die Bauren fürchten die Schweizer könen noch daher kommen.»

1849 schreibt Johannes, «er könne hier nichts neues mehr lernen» und beabsichtigt, ins Welschland zu wandern. Nach einer (wohl erstmaligen) Zugfahrt ab Freiburg bis Efringen (nördlich Basel) arbeitet er vier Wochen in Langenbruck und «focht» sich anschliessend «durch Dorf und Stadt nach altem Handwerksbrauch» in sechs Tagen nach Vevey, wo «Wagenarbeit, & mithin auch Schäsenarbeit [Chaise = kleine, vom Sitz aus zu fahrende Kutsche] gemacht» wird. Während seines dortigen halbjährigen Aufenthaltes unterschreibt er seine Briefe mit «Jean» und bittet den Vater, ihm «das Französische Wörterbuch», den «Dictionaire» zu schicken. Die nächste Station ist Lausanne. Im September 1850 berichtet er aus Genf und wäre gerne nach Frankreich weitergewandert, wozu ihn auch der Vater ermuntert; man finde dort aber keine Arbeit. Ostern 1851 kehrt er mit andern Gesellen nach Kleinbasel zurück. Anschliessend lebt er in Zürich, meldet, dass er diesen Platz wieder «schanschiert» habe, ist kurzfristig in Solothurn, 1852 wieder in Zürich. Der Vater hofft, dass der Sohn heimkomme. Dieser kehrt heim, macht aber vermutlich bis 1853 (oder länger?) noch Aufenthalte in Strassburg zur Erlernung der Windenmacherei. Aufschlussreich für das berufliche Selbstverständnis des Schmieds sind die brieflichen Ermahnungen, die der Vater Hans Martin an seinen «geliebden Sohn» Johannes, «Schmid-Gesel», weitergibt. Obwohl selbst gelernter Waffenschmied und Windenmacher, legt er den Schwerpunkt eindeutig auf den Hufbeschlag, der in Neunkirch die Grundlage für die «Baurenarbeit» bilde. Hans Martin hatte offenbar in der Lehre noch nicht Gelegenheit, den Hufbeschlag gründlich zu erlernen. In der Fremde holte er dieses Manko dann nach, wobei ein gewisser Stolz auf das eigene Können mitschwingt: «in Neunkirch wehritsj [wären sie] vroh gewesen [1813, als er in die Lehre kam] wann sie so einen Hufschmid gehabt hätten, wie ich einer bin.» Als Sohn Johannes 1851 aus Kleinbasel berichtet, dass ihm das Feilen verleidet sei, hat der Vater Verständnis: «das glaub ich dier wan man zu viel feilen mus, ich mus dier allemal in Erinnerung gehben wand du nur auch ein wahkerer Hufschmid gibst. … Dann die furleut sents [sehen es] gleich ob ein[er] gut beschlagen kahn oder nicht.» Gewisse Fertigkeiten habe man sich auch selbst beizubringen: «was viele andere Arbeit ist so mus mann doch für sich lernen, wann man nach(er) haus kommt man mus es machen wies der Breuchig ist.»

Der Vater ist nicht gegen einen Aufenthalt in Strassburg, gibt dem Sohn sogar Tipps, wo er seine ehemaligen Arbeitsplätze findet und Grüsse ausrichten soll; er empfiehlt diesen aber auch nicht besonders. «Die Reise nach Strassburg kann ich dier nicht missgöhnen, dan es ist sich der Wert, die Stadt zu besehen; dan das ist nicht unnöthig Gelt verreist.» Aber er legt nahe, die dortige Arbeitszeit zu beschränken: «kansten um Arbeit ansprechen: wan es nur 14 Thag wehr Du köndist darnach an einem anderen ort Arbeit haben. man mus ein ausred haben das wehre nur dat säts [sähest] wies an einem andern ort gemacht würt, aber lenger als ein Mohnat musst nicht bej einem Windenmacher bleiben. Die Haubtsach weist ÿa schon.» Schliesslich hat Johannes in der Schmiede und Windenmacherei des Vates die Lehre gemacht.

Mit Sicherheit ist Johannes Uehlinger 1856 wieder zu Hause und arbeitet als Geselle mit dem Vater zusammen. Ab dieser Zeit führt er das Haupt- oder Rechnungsbuch, das sich durch eine schöne Handschrift und überhaupt einen «Sinn für gefällige Ausführung» auszeichnet. Auch macht er eine Zusammenstellung aller Einnahmen, die Auskunft über den Anteil der Schmiede- und der Windenarbeit gibt: 1856: 548 Fr. Schmiedarbeit; 430 Fr. Windenarbeit; abzüglich 113 Fr. Eisenrechnung; abzüglich Kosten für Kohlen. In den Jahren 1856 bis 1859 macht der Anteil der Windenarbeit vom Gesamtvolumen 44%, 48% und zweimal 29% aus.

Zum Lebensstandard und zu den Zahlungsgewohnheiten jener Zeit macht der Sohn von Johannes folgende Angaben:

«Im Allgemeinen ist zu sagen, dass das Leben im 19. Jahrhundert noch recht armselig war. Es fehlte nicht an Arbeit, aber an Verdienst, der bares Geld brachte. Sowohl der Landwirt als der Handwerker hatte nur im Herbst eigentliche Einnahmen, der erstere aus dem Verkauf der Landesprodukte: Wein, Obst, Kartoffeln, Getreide, der letztere aus den Rechnungen, die er aber erst auf Martini ausstellte. Martini (11. Nov.) war auch Zinstag. … Das Jahr hindurch war immer Geldnot. Man war in möglichst vielen Dingen auf Selbstversorgung angewiesen: Gemüse u. Obst für Sommer u. Winter, selbstgemachte Konserven wie: Sauerkraut, Dörrobst, Dauergemüse Kohl + Kabis, Theesorten, und – nicht zuletzt – eine gut versorgte Rauchkammer.»

Nach dem Tod des Vaters Hans Martin im Jahre 1859 führt Johannes die Schmiede- und Windenmacherwerkstatt alleine weiter; seine Berufsbezeichnung lautet ebenfalls Waffenschmied, oder einfach Schmied. Wie der Vater beherrscht auch er die Anfertigung von schneidenden Werkzeugen aller Art, selbst von Bohrern (sonst eine Arbeit der Zeug- oder Neberschmiede). 1861 heiratet Johannes die Küferstochter Margaretha Steinegger aus Neunkirch.

In die ersten Jahre der Ehe fällt der Bau der Badischen Staatseisenbahn, die 1863 eröffnet wird; für die Schmiede gewissermassen eine Hochkonjunktur. Einen neuen Aufgabenbereich stellen die typischen «Waffenarbeiten» wie das Anstählen und Schärfen von Pickeln, Steinbohrern, Meisseln und weiterem Werkzeug dar, das für die Bauarbeiten in grossen Mengen benötigt wird. Von 1861 bis 1864 beschäftigt der junge Meister ständig, in späteren Jahren noch die meiste Zeit einen Gesellen; 1864 nimmt er einen Lehrling an. (Im ersten Lehrjahr besteht dessen Lohn aus Kost und Logis, im 2. erhält er daneben einen, im zweiten Lehrjahr zwei Franken pro Woche.) Bis in die 1880er Jahre hat Johannes Uehlinger auch ständig einen Dienstknaben oder ein Dienstmädchen. (Der Jahreslohn beträgt neben Kost und Logis 60 Franken, ein Paar neue Schuhe, für die Knaben noch einen Hut, für die Mädchen eine Schürze.)

Nach dem Weggang des letzten Gesellen im Jahre 1877 (mit acht Franken Wochenlohn) haben auch seine heranwachsenden Söhne (geb. 1861, 1871,1877) nach der Schule in der Werkstatt zu helfen. Gelegentlich springt auch die Mutter oder ein als Taglöhner arbeitender Nachbar ein. Typische Hilfsarbeiten sind schon für Knaben das «Ziehen des Blasebalges», das «Bestreichen des noch warmen Eisens mit Pech als Rostschutz, später Bohren mit der Rätsche, Gewindeschneiden u. endlich Draufschlagen mit dem kleinen Vorschlaghammer». Auch etwa Nägel konnten Ungelernte herstellen; eine Tätigkeit bei gelegentlichem Arbeitsmangel. Auch Klauen- und Hufeisen für Zugtiere wurden von Schmieden gerne in beschäftigungsarmen Zeiten auf Vorrat angefertigt.

Die Landwirtschaft, auf die das Handwerk noch bis ins frühe 20. Jahrhundert aufgrund der Selbstversorgung angewiesen war, erreichte Ende der 1880er Jahre ein vorher nie gekanntes Ausmass. Neben erweitertem Landbesitz betrug der Viehbestand damals im Maximum einen Ochsen, zwei Kühe, zwei Rinder, zwei Kälber sowie Schweine. Damit war ein hoher Grad an Selbstversorgung gewährleistet. Die früher von benachbarten Bauern ausgeführten Fuhrleistungen (Holzholen, Pflügen, Führen von Erde, Mist und Jauche) konnten ab 1880 mit einem entlehnten Ochsen und eigenem Fuhrwerk, seit den späten 1880er Jahren mit gänzlich eigenen Mitteln ausgeführt werden. In der dörflichen Besitzhierarchie war Uehlinger somit vom Fussvolk zum Gespannbauern aufgestiegen, auch wenn als Zugtiere (nur) zwei Kühe sowie ein Ochse dienten. An Maschinen waren ein Schneidstuhl (Futterstroh häckseln), eine Rübenmühle (Viehfutter) sowie eine ebenfalls von Hand bediente Jauchepumpe vorhanden.

Hermann Uehlinger (1871-1948), Schlossermeister

Da sein älterer Bruder das Gymnasium besuchte und ein Studium begann, war Hermann als zweitgeborener Sohn (neben zwei Schwestern und einem jüngeren Bruder) wohl dazu vorgesehen, später den väterlichen Betrieb zu übernehmen. Nach Absolvierung der Elementar- und Realschule lernte er zwei Jahre den Schlosserberuf in Zürich, das dritte Lehrjahr absolvierte er in der Kunstschlosserei Lenhard in Schaffhausen.

Danach arbeitete er während ca. acht Jahren bei der 1861/62 in Neunkirch gegründeten Fa. Schärrer, Fabrikation von Heizungsanlagen, später Zentralheizungs-fabrik und Kesselschmiede (Scherrer AG). Dort wurde er «auch als Monteur an verschiedenen Orten in der Schweiz für den Unterhalt von Holzherden in Grossküchen und Kasernen eingesetzt». Erhalten haben sich Lohnabrechnungen der Jahre 1896 bis 1899 aus St. Moritz, Willisau, St. Urban, Arth, Goldau, Luzern, Basel (Kleinhüningen) und Brünig.

Nach dem Tod des Vaters im Jahre 1899 begann Hermann Uehlinger in dessen Werkstätte als selbständiger Schlosser zu arbeiten und bildete auch Lehrlinge aus. Daneben betrieb er Landwirtschaft, zumal sich sein Landbesitz durch die Heirat mit Hermine Maag, Tochter des Neunkircher Landwirts Jakob Maag, vergrössert hatte. Der Ehe entsprossen zwei Töchter (geb. 1905 und 1906).

Die Elektrifizierung im Kanton Schaffhausen ermöglichte im Jahre 1910 die Installation von «Elektrischen Lichtleitungen». Dies erlaubte die Mechanisierung der eigenen Werkstatt durch den Einbau eines Elektromotors samt Transmissionen sowie von diversen, heute noch vorhandenen Werkzeugmaschinen. Drehbank und Bohrmaschine wurden als typische Schlossereimaschinen möglicherweise bereits früher gekauft und mit einer Fusswippe bzw. einem waagrechten Schwungrad in Bewegung gesetzt; die Schleifmaschine arbeitet aber ausschliesslich mit Kraftantrieb. Im landwirtschaftlichen Bereich – Stall und Tenne befinden sich in der Nordhälfte des Erdgeschosses – kam ein elektrisch betriebener Heuaufzug dazu.

«Als selbstständiger Schlosser fertigte Hermann Uehlinger Schlösser, Baubeschläge, Geländer, Tür- und Fenstergitter an, montierte Wasserleitungen derHochdruck-Wasserversorgung Neunkirch, die 1922 bis 1923 erstellt wurde, und versah lange Jahre das Amt des Brunnenmeisters.» Wie seiner Buchhaltung über «Kommissionen» und «Rechnungen» u. a. zu entnehmen ist, führte er neben allen einschlägigen Schlosserarbeiten auch Reparaturen an Landmaschinen, Rebenspritzen, Haushaltsgeräten, Waschmaschinen und Öfen aus, konstruierte Kochherde und Gartengeländer und installierte und wartete zahlreiche Wasser- sowie Abwasserleitungen. Gelegentlich übernahm er auch Spenglerarbeiten usw.

Diese Diversifizierung ermöglichte ein Überleben in einem schwierig gewordenen Umfeld, in dem handwerklich betriebene Schmieden und Schlossereien zunehmend gezwungen waren, neue Betätigungsfelder, etwa im Bereich Bau- und Konstruktionsschlosserei für die Industrie, zu suchen. Vorbei war die Zeit, als Werkzeuge und Geräte in Handarbeit einzeln hergestellt wurden. Seriell gefertigte und damit viel billigere, im Eisenwarenhandel erhältliche Industrieprodukte traten an ihre Stelle. Stock- oder Wagenwinden z.B., zur Zeit des Grossvaters eine Spezialität des Handwerksmeisters, figurierten seit dem späteren 19. Jahrhundert im Verkaufssortiment jedes Maschinenhändlers und wurden von jeder Land- und Baumaschinenfabrik hergestellt oder verkauft. Diesbezügliche Arbeiten beschränkten sich im eigenen Betrieb nur noch auf Reparaturen, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts allerdings noch häufig vorkam. Die Adressanschrift des Schlossermeisters lautet gelegentlich auch «Monteur», «Heizungsmonteur» oder «Installateur». Hermann Uehlinger hatte keinen Nachfolger mehr und nach seinem Tod im Jahre 1948 ist der Wert der einst existenzsichernden Werkstatt nurmehr gering. Das gesamte Schlosserei- und Schmiedemobiliar wird mit lediglich Fr. 570.- veranschlagt, wohingegen die Heu- und Strohvorräte bereits Fr. 400.- ausmachen.

Den geschilderten Umständen ist es wohl zuzuschreiben, dass in die Produktionsmittel kaum mehr investiert worden ist und sich ein technischer Zustand des 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts erhalten hat. Besonders erstaunt die (umständliche) Weiterbenützung des altertümlichen Blasebalgs, trotz vorhandener elektrischer Installationen, was wohl auch mit der Verlagerung von Schmiede- hin zu Konstruktions- und Montagearbeiten erklärt werden kann.

In situ erhaltene funktionstüchtige historische Schmiedeblasebälge sind heute eine ausgesprochene Rarität.

Nach 1948 blieb die Arbeitsstätte verwaist und unangetastet. Seine Frau sowie später seine im Hause verbliebene ledige Tochter (Schlosser-Bertha) sollen die Werkstatt verschlossen und niemanden mehr hineingelassen haben, so dass der Zustand der letzen Gebrauchszeit unverändert blieb. 1996 vermachte die Erbengemeinschaft Bertha Uehlinger das gesamte Schmiede- und Schlosserei-Inventar der Gemeinde Neunkirch mit dem Wunsch, dass «die ehrwürdige … Werkstatt … für die kommenden Generationen am alten Standort erhalten und wieder in Betrieb genommen werden könnte».

Peter Bretscher, lic. phil., Volkskundler, Museologe MAS, Inventarisierung Gemeinde Neunkirch